Physiologische Grundlagen der Homöopathie

Im ersten Vorartikel wurde gezeigt, daß die Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel in Tierversuchen, Doppelblindstudien am Menschen und Meta-Analysen ebenso wie empirisch in der Praxis der Human- und Veterinärhomöopathie eindeutig dokumentiert ist (5). Diese Tatsache steht im Einklang mit den Ergebnissen dreier Studien, die an der Universität Glasgow durchgeführt und von David Reilly mit folgenden Worten zusammengefaßt wurden (19):

"Our results lead us to conclude that homoeopathy differs from placebo in an inexplicable but reproducible way".

Davon ausgehend beschäftigte sich der zweite Artikel mit den Hintergründen, warum die Homöopathie zwar offensichtlich wirksam, aber bisher nicht erklärt werden konnte (4), wobei drei Hauptgründe genannt wurden:

  1. Der Wissenschaftsbegriff der heutigen Medizin und Naturwissenschaft ist ein anderer als der in der Homöopathie gebräuchliche; das wissenschaftliche Denken der Medizin basiert heute immer noch auf einem physikalisch-mechanistischen Verständnis der Welt und den davon abgeleiteten Modellen der Biochemie und Klinischen Pharmakologie, obwohl in der modernen Physik und vielen anderen Wissenschaften dieses auf Newton zurückgehende Weltbild längst relativiert wurde. Aus diesem Grund kennt die an den Universitäten gelehrte Medizin keine geeigneten physiologischen oder pharmakologischen Konzepte, um ganzheitliche Phänomene wie die Homöopathie verstehen oder erklären zu können.
  2. Der Denkrahmen der "Schulmedizin" ist deshalb ein anderer als der Denkrahmen der Homöopathie; ersterer ist auf die Pathologie des Patienten ausgerichtet und verwendet wissenschaftliche Methoden, um Krankheiten zu verstehen, zu heilen oder zu verhüten. Der Denkrahmen der Homöopathie hingegen bezieht sich auf die Gesundheit, d.h. auf die gesundheitserhaltenden und gesundheitswiederherstellenden Funktionen des Organismus (6). Dieser "hygiogenetische" Denkrahmen beruht im Gegensatz zum "pathogenetischen" Denkrahmen der konventionellen Medizin v.a. auf Erfahrung, da sich ganzheitlich-komplexe Vorgänge in Gesundheit und Krankheit kaum wissenschaftlich-mechanistisch, sondern nur kybernetisch oder empirisch erfassen lassen. Die Inhalte beider medizinischer Denkrahmen sind daher völlig gegensätzlich, weshalb die Homöopathie mit den derzeitigen Methoden der wissenschaftlichen Medizin weder untersucht, noch verstanden oder beurteilt werden kann.
  3. Aus diesem Grund erscheint in der Medizin ein "Paradigmawechsel" bzw. eine Erweiterung des konventionellen klinisch-wissenschaftlichen Denkrahmens notwendig, um auch die ganzheitlichen Aspekte der verschiedenen subjektiven, individuellen, psychischen und geistigen Einflüsse auf Gesundheit, Krankheit und Heilung im medizinischen Denken zu berücksichtigen.

Die Klinische Medizin hat somit noch keine geeigneten Modelle, um ganzheitlich-vernetzte Funktionen a) innerhalb des Organismus (zwischen allen Organen / zwischen Körper und Psyche), b) zwischen Individuum und Umwelt und c) aller objektiven und subjektiven Beschwerden gemeinsam zu verstehen und in Diagnose und Therapie zu berücksichtigen. Am Beispiel der Homöopathie kann jedoch aufgezeigt werden, wie diese Zusammenhänge vermutlich zu erklären sind.

Menschenbild

Homöopathie und Klinischer Medizin liegen unterschiedliche Auffassungen zugrunde, welche Bereiche des Menschen für Gesundheit, Krankheit und Heilung bedeutsam sind. Während sich die "Schulmedizin" gemäß ihrem mechanistischen Weltbild auf die körperlich-materiellen Ebenen - Anatomie, Histologie und Physiologie als die Lehren vom gesunden Körper; Pathologie, Pathologische Histologie und Pathophysiologie als die Lehren vom kranken Körper sowie Pharmakologie, Biochemie und Molekularbiologie, um die Wirkungen von Arzneimitteln zu verstehen - stützt und damit Pathologie und Körper im Mittelpunkt des medizinischen Interesses stehen, ist der historische Denkansatz der Homöopathie auf die "immateriellen" Funktionen des Menschen ausgerichtet, die dessen Leben und Gesundheit erhalten (9):

"Im gesunden Zustande des Menschen waltet die geistartige, als Dynamis den materiellen Körper (Organism) belebende Lebenskraft (Autocratie) unumschränkt und hält alle seine Theile in bewunderungswürdig harmonischem Lebensgange in Gefühlen und Thätigkeiten ... Der materielle Organism, ohne Lebenskraft gedacht, ist keiner Empfindung, keiner Thätigkeit, keiner Selbsterhaltung fähig; nur das immaterielle, den materiellen Organism im gesunden und kranken Zustande belebende Wesen (das Lebensprinzip, die Lebenskraft) verleiht ihm alle Empfindungen und bewirkt seine Lebensverrichtungen."

Der Entdecker der Homöopathie, Samuel Hahnemann (1755-1843), führte somit das Leben des Menschen und die Erhaltung des harmonischen Ablaufes seiner Funktionen, Empfindungen und Gefühle auf eine "immaterielle Lebenskraft" zurück, was auf den ersten Blick als vitalistisches Konzept des 18.-19. Jahrhunderts erscheint. Wendet man sich jedoch der tatsächlichen Bedeutung dieser vor knapp 200 Jahren verwendeten Begriffe zu, ist unschwer zu erkennen, daß damit reale medizinische Phänomene umschrieben wurden, die auch heute noch zu beobachten sind. Denn sowohl die Homöopathie als auch die verschiedenen Konzepte der "Lebenskraft" stammen aus einer Zeit, in der die heutigen wissenschaftlichen Kenntnisse noch nicht vorhanden waren. Deshalb waren Hahnemann und andere frühere Ärzte auf ihre Sinne angewiesen, um Vorgänge in Natur und Mensch sowie Krankheiten und Arzneiwirkungen festzustellen.

Alle Vorgänge und Prozesse im Menschen, die für die Sinnesorgane nicht erkennbar waren, wurden in diesem Kontext auf Kräfte zurückgeführt, die als "immateriell", "geistig", "geistartig", "dynamisch" oder "virtuell" bezeichnet wurden, da sie sinnlich nicht wahrnehmbar waren, (2, 3). Von diesem historischen Kraftbegriff leitet sich die Bezeichung "Dynamis" für die den Körper belebende Lebenskraft (gr. Dynamis=Kraft, Vermögen) und im übrigen auch der Dynamisationsbegriff der homöopathischen Potenzierung ab, da bei diesem Verfahren die spezifische "Wirkkraft" der Arzneimittel gesteigert wird.

Als "Kräfte" bezeichnete Hahnemann daher:

Dies geht aus der Originalliteratur Hahnemanns klar hervor (3). Demnach führte Hahnemann, der sich in seiner Natur- und Krankheitserkenntnis bewußt auf die Sinne beschränkt und "spekulative" medizinische Theorien strikt abgelehnt hatte (11), auch alle Vorgänge im Menschen auf das Wirken "dynamisch-geistiger Kräfte" zurück, die wir heute physiologisch, biochemisch, pathologisch, pharmakologisch oder psychologisch erklären können. Diese Erkenntnis eröffnet die Möglichkeit, den historischen Begriff der Lebenskraft auch aus heutiger Sicht zu verstehen und sogar wissenschaftlich zu interpretieren, wenn jene Eigenschaften und Funktionen des Organismus untersucht werden, die Hahnemann der Lebenskraft zugeordnet hat.

Diese im "Organon" (10) zusammengefaßten, medizinischen Funktionen sind auch heute zu beobachten: "Belebung des materiellen Organismus", d.h. das sinnlich nicht wahrnehmbare physiologische Zusammenwirken der sichtbaren ("materiellen") Organe und Körperteile, das den lebenden vom toten Organismus unterscheidet; "Erhaltung der Gefühle und Tätigkeiten in harmonischem Lebensgange", d.h. die physiologische Ausgeglichenheit subjektiver und objektiver Funktionen; "Verstimmung durch krankmachende Einflüsse", d.h. Vermittlung körperlicher oder psychischer Krankheitssymptome sowie "geistig-dynamischen Arzneiwirkungen", d.h. mit den Sinnen nicht erkennbare, pharmakologische Wirkungen der Arzneimittel auf den Organismus, die zur Heilung führen.

Wesentlich dabei ist es, daß diesem historischen Konzept der Lebenskraft der axiomatische Aufbau einer Theorie zugrundeliegt, da die dabei subsummierten Funktionen real existieren und nicht hinterfragt wurden. Axiome gestatten aber auch moderne Interpretationen dieser medizinischen Funktionen, da es dabei nur auf den logischen Zusammenhang, nicht aber auf die Interpretation selbst ankommt, die immer vom aktuellen Wissensstand und Weltbild abhängig ist.

Aus heutiger Sicht kann daher gefragt werden, ob es im Menschen tatsächlich ein Funktionssystem gibt, das jene spezifischen Leistungen erbringt, die Hahnemann auf ein "Automatisches Lebensprinzip"="Autocratie"="Lebensenergie" zurückgeführt hat (3). Die Wortwahl weist darauf hin, daß diese Funktionen nur in Lebenwesen, nicht aber in toten Organismen oder der unbelebten Natur zu beobachten sind und daher zur Erhaltung des Lebens beitragen. In Hinblick auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse über das menschliche Autoregulationsysstem kann diese Frage bejaht werden.

Krankheitsbild

Der Krankheitsbegriff der Homöopathie unterscheidet sich ebenfalls wesentlich von dem der Klinischen Medizin, indem darunter alle objektiven, subjektiven, körperlichen und psychischen Veränderungen zusammengefaßt werden, die mit den Sinnen am Patienten zu erheben sind (8):

"Der vorurtheilslose Beobacher ... nimmt, auch wenn er der scharfsinnigste ist, an jeder einzelnen Krankheit nichts, als äußerlich durch die Sinne erkennbare Veränderungen im Befinden des Leibes und der Seele, Krankheitszeichen, Zufälle, Symptome wahr, das ist, Abweichungen vom gesunden, ehemaligen Zustande des jetzt Kranken, die dieser selbst fühlt, die die Umstehenden an ihm wahrnehmen, und die der Arzt an ihm beobachtet. Alle diese wahrnehmbaren Zeichen repräsentieren die Krankheit in ihrem ganzen Umfange, das ist, sie bilden zusammen die wahre und einzig denkbare Gestalt der Krankheit."

Unter "Krankheit" werden in der Homöopathie somit folgende Bereiche umfaßt:

  1. Die mit den Sinnesorganen erkennbaren Krankheitszeichen, die körperlichen und/oder psychischen Symptome der Krankheit als Abweichung vom zuvor bestehenden, gesunden Zustand, die der Arzt oder andere Personen am Kranken wahrnehmen.
  2. Die durch die Krankheit veränderten Empfindungen und Gefühle, die der Kranke sinnlich oder psychisch wahrnimmt.

Diese stets individuelle, objektive und subjektive, sinnliche oder psychische Wahrnehmung aller Veränderungen im "Befinden des Leibes und der Seele" des Patienten ist Grundlage des homöopathischen Krankheitsbegriffes. Dies stellt aus Sicht der heutigen Medizin eine gewisse Beschränkung dar, da die pathogenetisch orientierten, klinischen Diagnosen und biochemischen Befunde für die Homöopathie nur von geringer Bedeutung sind. Die Stärke des homöopathischen Krankheitsbegriffes liegt aber darin, daß alle am Patienten gefundenen, körperlichen und psychischen Krankheitszeichen in ihrem ganzheitlichen Zusammenhang als dessen "individuelle Krankheit" in der homöopathischen Diagnose und Therapie gemeinsam berücksichtigt werden.

Das homöopathische Menschen- und Krankheitsbild ist somit ein gänzlich anderes als das der Klinischen Medizin. In Zusammenhang mit den historisch der "Lebenskraft" zugeordneten Funktionen kann somit neuerlich die Frage gestellt werden, ob auch heute ein medizinisch-biologisches Funktionssystem bekannt ist, das autonome, lebenserhaltende Eigenschaften zeigt und die objektiven, subjektiven und sinnlich wahrnehmbaren Bereiche des Körpers und der Psyche gemeinsam umfaßt. Dies scheint im "Autoregulationssystem" tatsächlich gegeben.

Autoregulationssystem

Im Rahmen des Projektes "Münchener Modell" wurden an der Ludwig-Maximilians-Universität in München unter der Leitung von Dieter Melchart die Grundlagen der wichtigsten Naturheilverfahren untersucht, nachdem die "Naturheilkunde" ins Medizinstudium der BRD als Pflichtfach aufgenommen wurde. Dabei fanden die Autoren 1993 ein gemeinsames Prinzip der Naturheilverfahren (15):

"Alle Maßnahmen der natürlichen Therapie zielen auf eine aktive Beteiligung und Nutzung der natürlichen Fähigkeiten des Organismus zu Regulation, Anpassung, Regeneration und Abwehr."

Diese natürlichen Fähigkeiten des Organismus zu Regulation, Anpassung, Regeneration und Abwehr werden als "Autoregulation" bezeichnet. Da alle "natürlichen", d.h. natürliche Funktionen des Menschen nutzende Therapieformen auf diesem gemeinsamen Prinzip basieren, schlägt D. Melchart statt des ungenau definierten Begriffes "Naturheilverfahren" die Bezeichnung "Autoregulative Verfahren" vor.

Die wesentlichen Wirkprinzipien der "Naturheilverfahren" sind demnach:

Diese für die Naturheilkunde geltenden Prinzipien treffen auch für die Homöopathie zu (6). Damit liegt ein wissenschaftliches Denkmodell vor, das viele Besonderheiten der homöopathischen Medizin zu erklären vermag.

Autoregulative Medizin

Autoregulative Medizin ist nach D. Melchart als "Medizin zu verstehen, die primär selbstregulierende Prozesse in Richtung Gesundheit ökonomisiert und unterstützt". Die wichtigsten physiologischen Grundlagen dieser Autoregulativen Medizin können wie folgt zusammengefaßt werden (18):

  1. Natürliche Therapie: autoregulative Verfahren beruhen auf der aktiven Beteiligung und Nutzung "natürlicher" Funktionen des Organismus, d.h. die therapeutische Wirkung wird durch Anregung organismeneigener Funktionen erbracht, im Gegensatz zu den meist "künstlichen" Wirkungen der konventionellen Pharmakotherapie, die durch körperfremde, biochemische Reaktionen hervorgerufen werden.
  2. Autoregulation (=Selbstregulation): bewirkt die "Fähigkeit des Organismus, durch selbstregulierende Mechanismen auf äußere und innere Einflüsse zu reagieren und ein funktionelles Gleichgewicht aufrecht zu erhalten oder wiederherzustellen, um Adaption, Zielerreichung, Integration und Strukturerhaltung zu garantieren".
  3. Autoregulationssystem: die autoregulativen, autonomen Prozesse erfolgen im "Grundregulationssystem", das als anatomisch-histologische Funktionseinheit durch Zellen des lockeren Bindegewebes, Gefäße, periphere Nerven und die den gesamten Organismus durchziehende Interzellularsubstanz gebildet wird und die autonomen Grundfunktionen des Lebens entscheidend zu beeinflussen vermag.
  4. Hygiogenetisches Wirkprinzip: im Gegensatz zum pathogenetischen Wirkprinzip der Klinischen Medizin beruht die Autoregulative Medizin auf dem Wirkprinzip der Hygiogenese (16), worunter die "Selbstheilung und die damit verbundenen autoregulativen Prozesse in Richtung Gesundheit, die zur autonomen Überwindung von Krankheit eingeleitet werden", zusammengefaßt werden (18).

In der Lokalisation des Autoregulationssystems kommen dem Autonomen Nervensystem und dem Interzellularraum des "Systems der Grundregulation" nach A. Pischinger besondere Bedeutung zu (12, 17). Die in diesen Strukturen möglichen, selbstregulierenden Prozesse verlaufen über alle anatomischen Organ- und physiologischen Funktionsgrenzen hinweg, was die ganzheitliche Wirkung homöopathischer Arzneimittel und die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der Heilung gemäß den Hering´schen Regeln (20) zu erklären vermag.

Aus Sicht der Homöopathie kann somit festgestellt werden, daß das Konzept der "Autoregulation" mit dem historischen Denkmodell der "Lebenskraft" Hahnemanns in vielen Punkten übereinstimmt. Wesentlich dabei ist, daß darunter keine physikalische oder gar spirituelle Kraft, sondern gemäß dem historischen Kraftbegriff (lat. potentia=Kraft, Fähigkeit, Vermögen) die Fähigkeit des Organismus zu verstehen ist, diese lebenserhaltenden Leistungen zu erbringen (3).

Damit bekommt die "Autocratie" Hahnemanns als physiologisches Prinzip der Selbsterhaltung durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse über das Autoregulationssystem eine neue, aktuelle Bedeutung. Denn ein "automatisches Lebensprinzip", das die körperlichen und psychischen Prozesse des Menschen in harmonischer, d.h. physiologischer Funktion erhält, Körper und Psyche verbindet, durch Krankheiten "verstimmt" wird und dadurch körperliche oder psychische Symptome hervorbringt und die Wirkungen homöopathischer u.a. autoregulativ wirksamer Arzneien vermittelt, ist im menschlichen Autoregulationssystem vorhanden.

Daher kann die "selbstregulative Funktion" des Autoregulationssystems, das als vegetatives Nervensystem und Interzellulärmatrix alle Organe verbindet und auch die Psyche erfaßt, als physiologische Ursache jener "Selbstheilungskraft" angesehen werden, die aufgrund der Reize homöopathischer Arzneimittel und anderer "natürlicher" Methoden die autonome Überwindung von Krankheiten "in Richtung Gesundheit" unterstützt.

Regulationsphysiologie

Im Autoregulationssystem des Menschen liegt somit eine anatomisch-physiologische Funktionseinheit vor, die den historisch der Lebenskraft zugeordneten Funktionen des Organismus weitgehend entspricht und damit den Weg für ein wissenschaftliches Verständnis der Homöopathie aufzeigt. Dazu ist jedoch umfangreiche Grundlagenforschung in einem Bereich erforderlich, der von der Klinischen Medizin bisher vernachläßigt wurde, da die anatomischen Strukturen und physiologischen Funktionen des menschlichen Autoregulationssystems nicht direkt zugänglich sind. Denn die interzelluläre Grundsubstanz als hochpolymeres Netz von Proteoglykanen und Hyaluronsäure, das ebenso wie das autonome Nervensystem den gesamten Organismus durchzieht und sehr sensibel auf Stoff-, Ionen- und Ladungsverschiebungen, energetische u.a. elektromagnetische Einflüsse reagiert, kann nach den herkömmlichen, klinisch-wissenschaftlichen Kriterien kaum untersucht werden.

Daher verwundert es nicht, daß viele wichtige Grundlagen der Regulations- und Adaptionsphysiologie, die für das Verständnis des Autoregulationssystems von ausschlaggebender Bedeutung sind, praktisch nur jenen Ärzten bekannt sind, die sich mit Kurmedizin, Neuraltherapie oder Akupunktur beschäftigen, während sie in der Klinischen Medizin weitgehend unbekannt sind. Und es erklärt auch, warum wesentliche Funktionen des vegetativen Nervensystems bis heute unerforscht sind, was den Wiener Physiologen und Chronobiologen Wolfgang Marktl zu der Warnung veranlaßte (13): "Wenn sie etwas über das vegetative Nervensystem wissen wollen, schauen sie bitte nie in ein Physiologielehrbuch, dort steht schon in der Einleitung: das vegetative Nervensystem ist ein efferentes System ... so etwas kann es doch gar nicht geben ...".

Was ist jedoch der afferente Teil des vegetativen Nervensystems ? Stellen dessen kaum faßbare, freie Nervenendigungen und Nervengeflechte, die den gesamten Organismus durchziehen, jene "Antennen" dar, mit denen Patienten auf viele innere und äußere, körperliche und psychische Einflüsse autonom reagieren, den zentralen Bestandteil des menschlichen Autoregulationssystems dar ? Ist dies vielleicht jene organismische Ebene, die nicht nur die Wirkungen der Homöopathie u. a. autoregulativer Therapiemethoden sondern auch den Placeboeffekt erklären kann ?

Die dem Autoregulationssystem zugrundeliegenden, biokybernetischen Gesetzmäßigkeiten des Reiz-Reaktions-Prinzip erfordern ein gänzlich anderes wissenschaftliches Denken als die mechanistischen, biochemisch-molekularen Prinzipien der Klinischen Pharmakologie, die das derzeitige Weltbild der Medizin bestimmen. Es erscheint somit unumgänglich, zur Erklärung und Erforschung der Homöopathie eigenständige medizinische Denkmodelle zu entwickeln, die an regulationsphysiologischen Prinzipien orientiert sein müssen, um dem ganzheitlichen Charakter der Homöopathie gerecht zu werden. Der Pionier der Regulationsforschung, Otto Bergsmann, hat dies mit folgenden Worten ausgedrückt:

"Ganzheitsmedizinische Denkmodelle können nur regulationsphysiologisch bzw. regulationspathologisch bestimmt sein. Sie sind immer vom akutellen Forschungsstand bestimmt oder selbst Ausgangspunkt biokybernetischer Forschungen. Aus diesem Grund werden eigentlich immer die gleichen Phänomene ausgehend vom akutellen Wissensstand und ... Forschungsstand der jeweiligen Autoren neu interpretiert."

Diese Worte gelten nicht nur für die in der Homöopathie zu beobachtenden medizinischen Phänomene, sondern für das gesamte Denken in Medizin und Wissenschaft. Deshalb erscheint es vorstellbar, daß praxisbewährte historische Konzepte wie das der Lebenskraft in der Homöopathie oder des Qi und Yin - Yang in der Traditionellen Chinesischen Medizin als Beschreibung physiologischer Funktionen des Autoregulationssystems wissenschaftlich anerkannt werden.


Literatur:

1. Dellmour F.: Das Simileprinzip - ein allgemeines Naturprinzip ? GAMED Nr. 1/1998: 6-10.

2. Dellmour F.: Die Bedeutung der Lebenskraft für die Homöopathie. Homöopathie in Österreich 8 (1997) Nr. 4: 19-27.

3. Dellmour F.: Homöopathie und Lebenskraft. Begriffe bei Samuel Hahnemann. Documenta homoeopathica, Band 17. W. Maudrich, Wien 1997: 63-103.

4. Dellmour F.: Homöopathie und Wissenschaft - die Bedeutung von Denkrahmen und Paradigma. Deutsche Zeitschrift für Klinische Forschung Heft 2, Jg. 3, April 1999: 18-24.

5. Dellmour F.: Homöopathische Arzneiwirkung oder Placebo ? Wirknachweise in der Homöopathie. Deutsche Zeitschrift für Klinische Forschung Heft 1, Jg. 3, Februar 1999: 15-22.

6. Dellmour F.: Was ist Ganzheitsmedizin ? Reflexionen am Beispiel der Homöopathie. Manuskript für Documenta homoeopathica, Band 19, W. Maudrich, Wien 1999.

7. Hahnemann S.: Organon der Heilkunst, 6. Auflage (1842). Hrsg. von R. Haehl 1921. Nachdruck K. F. Haug, Heidelberg 1987.

8. ebd.: § 6

9. ebd.: §§ 9 - 10.

10. ebd.: §§ 9-17.

11. Hahnemann S.: Ueber den Werth der speculativen Arzneisysteme, besonders im Gegenhalt der mit ihnen gepaarten, gewöhnlichen Praxis. Aus dem Allgem. Anz. d. D. Nr. 263. Jahrg. 1801. In: Hahnemann S.: Kleine medizinische Schriften. Hrsg. E. Stapf (1829). Nachdruck K. F. Haug, Heidelberg 1989. Band 1: 59-78.

12. Heine H.: Lehrbuch der biologischen Medizin. Grundlagen und Systematik. Hippokrates, Stuttgart 1991.

13. Marktl W.: Physiologische Grundlagen der Bioklimatologie und Medizinmeteorologie. Postgradualer Universitätslehrgang für Ganzheitsmedizin, Wiener Internationale Akademie für Ganzheitsmedizin, 23.1.1999.

14. Melchart D., Wagner H.: Naturheilverfahren. Grundlagen einer autoregulativen Therapie. Schattauer, Stuttgart 1993.

15. ebd.: 1. Terminologie: 2 ff.

16. ebd.: 2. Gesundheit und Krankheit: 26 ff.

17. ebd.: 3. Therapeutische Physiologie als realwissenschaftliche Grundlage einer "Autoregulativen Medizin": 46 ff.

18. ebd.: Glossar: 594-6.

19. Reilly D. et al.: Is evidence for homoeopathy reproducible ? The Lancet vol 344, December 10, 1994: 1601-1606.

20. Resch G., Gutmann V.: Wissenschaftliche Grundlagen der Homöopathie. 2. Aufl., O-Verlag, Berg am Starnberger See 1987: 522.


Dr. med. Ing. Friedrich Dellmour

European Committee for Homoeopathy (ECH), Subcommittee Pharmacology, Materia Medica and Pharmacopoeia, Brüssel.

Ludwig Boltzmann Institut für Homöopathie, Dürergasse 4, A-8010 Graz.


Deutsche Zeitschrift für Klinische Forschung