Homöopathie und Wissenschaft - die Bedeutung von Denkrahmen und Paradigma


Wie im Vorartikel gezeigt wurde, konnte anhand zahlreicher klinischer Studien sowie deren Meta-Analysen nachgewiesen werden, daß sich die Wirkungen homöopathischer Arzneimittel von Placebowirkungen unterscheiden (7). Sie tun dies auf unerklärliche, aber reproduzierbare Weise, wie D. Reilly an der Universität Glasgow in seinem Lancet-Artikel festgestellt hat (22). Der somit auch für die Homöopathie erbrachte "Evidence" steht im Einklang mit der gesicherten empirischen Erfahrung, daß die Wirksamkeit der Homöopathie allgemein wie auch indikationsspezifisch selbst in schwersten akuten und chronischen Krankheiten aus ärztlicher Sicht eindeutig gegeben ist.

Demgegenüber steht die Tatsache, daß die Wirkungen der Homöopathie bisher nicht erklärbar sind. Dies ist nach Ansicht des Autors auf mehrere Gründe zurückzuführen:

  1. Die bisher durchgeführten Arbeiten beschäftigten sich mit physikalisch-chemischer Forschung, um in den hochverdünnten homöopathischen Arzneimitteln ein "Wirkprinzip" zu finden. Die homöopathische Wirkung ist jedoch eine in Mensch, Tier oder Pflanze stattfindende, organismische Reaktion auf die homöopathische Arznei. Diese beruht auf den ganzheitlichen Prinzipien der Regulationsmedizin und kann durch physikalisch-chemische Untersuchung homöopathischer Arzneimittel nicht gefunden werden.
  2. Die Naturwissenschaft hat in der Vergangenheit zahlreiche Paradigmenwechsel erlebt, wodurch die uns umgebende Wirklichkeit heute besser erklärbar ist als in früherer Zeit. Die Medizin hat ebenso einige Paradigmenwechsel erlebt, aber sie hat mit den Naturwissenschaften nicht Schritt gehalten; die Denkprinzipien der heute an den Universitäten gelehrten Medizin gehen immer noch auf Newtons physikalische Beschreibung der Wirklichkeit zurück, die in vielen Bereichen längst überholt ist.
  3. Die Denkrahmen der modernen Naturwissenschaft und Medizin stimmen nicht mit dem Denkrahmen der Homöopathie überein, d.h. die Homöopathie verwendet in der Anamnese und beruht in ihrer Pharmakologie auf Bereichen der Wirklichkeit, die von der Naturwissenschaft und klinischen Medizin nicht erfaßt werden. Eine Erweiterung des medizinischen Denkrahmens ist daher erforderlich, sollen die Homöopathie und die anderen regulativen Therapieverfahren verstanden werden.

1. Physikalische Modelle

In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche physikalisch-chemische oder kybernetische Erklärungsmodelle für die Homöopathie entwickelt, auf die an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden kann. Dabei sind v.a. Modelle der Kybernetik (1), Biokybernetik (9), Biophotonenforschung (20,24,27), Systemtheorie (25), Systemorganisation in Flüssigkeiten (10), elektromagnetischen Bioinformation (24), Chaostheorie (2,8,19), Fraktale (4), Thermodynamik, Quantenphysik (5,6,15), Quantenbiologie (19) und Quantenmedizin zu nennen. Gemeinsam ist diesen Arbeiten aber, daß es damit noch nicht gelungen ist, das Wirkprinzip der Homöopathie hinreichend zu erklären, wenngleich richtungsweisende Teilerkenntnisse gefunden und durch wiederholte Versuche bestätigt wurden. Denn es sind dabei stets nur einzelne Teilaspekte auf physikalischem Weg untersucht worden, nicht aber die regulationsmedizinischen Phänomene der Homöopathie und deren physiologische und pharmakologische Grundlagen.
Daher verwundert es nicht, daß diese Beiträge das wirksame Prinzip der Homöopathie nicht entdecken konnten, da sie mangels der Homöopathie adäquaten Untersuchungsansätzen danach gar nicht gesucht haben.

2. Paradigma und Paradigmenwechsel

Am Beispiel der Physik kann man darüber nachdenken, ob ein Paradigmenwechsel erforderlich ist, um eine Erklärung für das bisher unerkannte Therapieprinzip der Homöopathie zu finden. Der Begriff des "Paradigmenwechsels" stammt aus der Wissenschaftstheorie und bezeichnet in seiner ursprünglichen Bedeutung den Wechsel von Theorien innerhalb eines Wissenschaftsgebietes. In der Vergangenheit haben mehrere Paradigmenwechsel stattgefunden und die Wissenschaft nachhaltig beeinflußt (15):

Der Begriff des Paradigmawechsels wurde im Laufe der Zeit immer mehr ausgeweitet und wird heute verallgemeinernd nicht mehr nur für den Wechsel der Basistheorie eines Wissenschaftsbereiches unter Aufgabe der bisherigen Theorie verstanden, sondern auch für grundlegende Neuerungen des theoretischen Weltbildes, bei denen die bisherigen Theorien ihre Gültigkeit behalten. Aus diesem Grund stehen die klassische Physik Newtons, das Atommodell Bohrs, die Relativitätstheorie Einsteins und die Quantenphysik Plancks heute nebeneinander, ohne sich gegenseitig auszuschließen. Damit handelt es sich bei diesen Erkenntnissen nicht um Paradigmawechsel, sondern um komplementäre Theorien, die nur für bestimmte Teilbereiche gelten und einander ergänzen.

Eine derartige Enwicklung komplementärer Theorien erscheint für die Ganzheitsmedizin dringend erforderlich.

Paradigmawechsel in der Medizin

Auch in der Medizin haben einige Paradigmenwechsel und Entwicklungen komplementärer Theorien stattgefunden:

Dabei ist jedoch zu bemerken, daß im Gegensatz zur Physik, in der grundlegend neue Veränderungen und Erweiterungen des wissenschaftlichen Weltbildes allgemein anerkannt und akzeptiert sind, die Medizin seit Rudolf Virchow (1821-1902) und Robert Koch (1843-1910) keine weiteren Paradigmenwechsel zugelassen hat. Damit blieb die Denkstruktur der an den Universitäten gelehrten Medizin bis heute auf die von Isaak Newton (1642-1727) begründete physikalische Beschreibung der Wirklichkeit beschränkt.

Diese reduziert aus Gründen der Berechenbarkeit und widerspruchsfreien Verständlichkeit Natur und Mensch auf isolierte kausal-analytisch faßbare Zusammenhänge im Sinne mechanistischer Theorien, in dem ganzheitlich-komplexe Aspekte lebender Organismen nicht berücksichtigt werden. Daher kann die wissenschaftliche Medizin mangels geeigneter physiologischer und pharmakologischer Modelle weder die vielfältig vernetzten Funktionen innerhalb des Einzelorganismus (Organe, Körper und Psyche) noch die ebenso vernetzten Funktionsabläufe zwischen Individuum und Umwelt hinreichend verstehen, obwohl diese Bereiche auf Gesundheit und Krankheit des Menschen wesentlichen Einfluß haben.

Daher verwundert es nicht, daß die konventionelle Medizin nicht in der Lage ist, die Homöopathie sinnvoll zu untersuchen. Denn auf Basis von Doppelblindstudien können nur Wirksamkeitsnachweise gefunden werden, aber kein Hinweis darauf, was den Prinzipien der Homöopathie zugrunde liegt. Die Medizin kann die Homöopathie somit nur erklären, wenn sie einen Paradigmawechsel oder eine Erweiterung ihres biochemisch-pathologisch orientierten Paradigmas zuläßt, um auch ganzheitlich-regulationsmedizinische Phänomene zu untersuchen und zu verstehen. Das in der universitären Medizin noch vorherrschende, physikalisch-mechanistische Paradigma ist dazu nicht geeignet.

Naturwissenschaft

Die Naturwissenschaft vermittelt uns seit Generationen das Gefühl, daß wir die meisten Bereiche der Natur verstehen, wenngleich oftmals das Gegenteil der Fall ist. Denn das wissenschaftliche Denken ist seit Jahrhunderten ausschließlich reduktionistisch orientiert, indem nur jene Gebiete erforscht werden, die meßbar und berechenbar sind. Diese einseitige Art der Naturwissenschaft wurzelt in Galileo Galilei's (1564-1642) Forderung "alles zu messen, was meßbar ist - und was nicht meßbar ist, meßbar zu machen". Diese nur scheinbar sinnvolle Aufforderung hat jedoch den Nachteil, daß alle nichtmeßbaren, subjektiven und individuellen Bereiche aus der wissenschaftlichen Forschung und damit auch aus der Medizin eliminiert wurden.

Aristoteles und Galilei

Der Widerspruch, der sich aus dieser Methode ergibt, kann am Fallversuch von Galilei demonstriert werden. Denn während der ganzheitliche Denker Aristoteles (384-322 v.Chr.) wirklichkeitsgemäß feststellte "alle Körper fallen verschieden schnell", kam Galilei aufgrund seiner wissenschaftlichen Untersuchungen zur Ansicht "alle Körper fallen gleich schnell". Wir wissen, daß beide Forscher recht haben, indem sich Aristoteles auf die reale Wirklichkeit bezog, in der wir leben und Galilei seine Aussagen auf ein theoretisches Modell dieser Wirklichkeit bezog.
Damit stellt die Aristotelische Physik, nach deren leicht überprüfbaren Ansicht schwere Körper schneller zu Boden fallen als leichte, eine "Erfahrungswissenschaft" dar, in der die individuelle Erfahrung des Menschen die Grundlage seiner Erkenntis ist. Galilei ging den umgekehrten Weg; er wandte sich von der subjektiven Erfahrung ab und leitete damit einen Paradigmawechsel ein, der zur heute vorherrschenden, physikalischen Beschreibung der Wirklichkeit führte. Diese auf theoretische Modelle bezogene Wissenschaftlichkeit kommt zwar mitunter zu gegenteiligen Erkenntnissen als die menschliche Erfahrung, sie hat aber den Vorteil, widerspruchsfrei und berechenbar zu sein.

3. Denkrahmen

Die Hintergründe dieses Wissenschaftsstreites hat Herbert Pietschmann in seinem Buch "Das Ende des naturwissenschaftlichen Zeitalters" ausführlich dargestellt (16). Dabei ist bemerkenswert, daß der Autor anstelle des Begriffes "Paradigmawechsel" später von "Denkrahmen" spricht, ein Begriff, der auf wesentliche Zusammenhänge hinweist (29):

"Wir alle sind durch unseren Denkrahmen geprägt. Der Denkrahmen des Abendlandes ist heute der Denkrahmen der Naturwissenschaft, also der Axiome von Logik und Experiment, ...

Dieser Begriff des Rahmens ist ja mehrdeutig, und alle Bedeutungen sind dabei gemeint: Ein Rahmen schließt erstens das aus, was außerhalb ist, das heißt, er verzichtet auf etwas. Zweitens lenkt er den Blick automatisch auf das, was innerhalb ist, das heißt, mehr oder weniger automatisch wird man gefangen durch das, was innerhalb des Rahmens ist und vergißt auf das, was draußen ist. Drittens definiert er aber auch genau die Grenze zwischen innen und außen. Alles das wird durch unseren Denkrahmen geleistet, und eine Erweiterung dieses Denkrahmens im Hinblick auf Aspekte des seelisch-geistigen Bereiches, die nicht innerhalb des Denkrahmens der Naturwissenschaft zu erfassen sind, das halte ich tatsächlich für notwendig."
Dieses Zitat weist auf folgende Sachverhalte hin:

  1. Jede wissenschaftliche oder medizinische Erkenntnis erfolgt innerhalb eines bestimmten Denkrahmens.
  2. Der gewählte Denkrahmen schließt alle für die Forschung und Modellbildung berücksichtigten Bereiche ein.
  3. Der gewählte Denkrahmen schließt alle Bereiche, die darin nicht berücksichtigt werden, von der Forschung und Modellbildung aus.
  4. Der Denkrahmen des Abendlandes ist ein naturwissenschaftlicher Denkrahmen gemäß den Axiomen von Logik und Experiment.
  5. Dieser Denkrahmen schließt alle Bereiche des Lebens aus, die nicht den naturwissenschaftlichen Axiomen von Logik und Experiment entsprechen.
  6. Eine Erweiterung des gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Denkrahmens erscheint daher nötig.
  7. Diese Erweiterung muß auch Aspekte des seelisch-geistigen Bereiches umfassen.

Der Denkrahmen gibt somit jenen Bereich an, in dem man zu forschen beabsichtigt und schließt jene Bereiche aus, die in der Theoriebildung nicht berücksichtigt werden. Dies hat dazu geführt, daß die wissenschaftlichen Modelle der Physik, Chemie und Biologie nicht in der Lage sind, die ganzheitlichen Funktionsabläufe lebender Organismen zu beschreiben.

Grenzen der physikalischen Erkenntnis

Galileo Galilei wurde aufgrund seines "befreienden Schrittes weg von der unmittelbaren Erfahrung und dem damit verbundenen, endgültigen Verzicht auf das Individuum" (16) zum Begründer der "nuova scienza", wie er sie nannte, der "Neuen Wissenschaft", die zur Naturwissenschaft wurde. Das wissenschaftliche Modell der Wirklichkeit darf seither nichts enthalten, was nicht meßbar oder reproduzierbar ist. Damit hat sich die Naturwissenschaft selbst Grenzen gesetzt, die in ihrer eigenen Methode begründet sind und deshalb von H. Pietschmann als "methodologische Grenzen der physikalischen Erkenntnis" bezeichnet werden (18). Alle Bereiche jenseits dieser Grenze können daher auf physikalischem Weg weder untersucht noch erklärt werden.

Dies hat für die Naturwissenschaften und alle anderen Wissenschaften, deren Basis die physikalische Beschreibung der Wirklichkeit ist, weitreichende Konsequenzen. Denn die Welt Galilei's existiert nur als theoretische Modellvorstellung.

Konstruktivismus

Nach Karl R. Popper sucht die moderne Naturwissenschaft nach Konstruktionen von Theorien über die Welt, weshalb man die heutige Wissenschaft als "Konstruktivismus" bezeichnen kann (21). Viktor Gutmann faßte dies mit treffenden Worten zusammen (11):
"Sie sucht nicht danach, die Welt so abzubilden, wie sie ist, sondern sie nach von Menschen hereingebrachten Motiven zu "entwerfen". Die Fragen nach Wahrheit und nach den seienden Dingen sind damit für die moderne Naturwissenschaft gegenstandslos geworden."

Chemie

Wie sehr diese "Konstruktion der Wirklichkeit" als Wirklichkeit dargestellt wird, zeigt die Chemie. Wir alle haben gelernt, daß die Materie aus Atomen besteht und wie die Atome in ihrem Inneren aufgebaut sind. Wir wurden jedoch kaum darüber informiert, daß es sich dabei um rein hypothetische Annahmen handelt, um die Widerspruchsfreiheit der Wissenschaftstheorie zu garantieren. H. Pietschmann weist auf diesen paradoxen Sachverhalt hin (17):

"Wir können ohne zu übertreiben behaupten, daß die Atome erfunden wurden, um den Widerspruch zwischen Wärmelehre und Mechanik zu eliminieren."

Die Atome existieren also "in Wirklichkeit" nicht so, wie es in unseren Lehrbüchern steht. Sie stellen vielmehr ein theoretisches Konzept innerhalb eines eng begrenzten Rahmens dar, um physikalisch-chemische Reaktionen erklären und berechnen zu können. Auf welch unsicheren Grundlagen diese "Atom-Theorie" aufbaut, zeigen die oft unverständlichen Ergebnisse der weiteren Kernforschung. Da mußte akzeptiert werden, daß die im Atom kreisenden Elektronen eine Masse, aber kein Volumen haben. Um dieses unlogische Ergebnis zu "erklären", wurden danach weitere Hilfskonstruktionen ersonnen, z.B. daß die Elektronen außerhalb unserer Raum-Zeit liegen bzw. mit der Raum-Zeit der Schwarzen Löcher vergleichbar sind (3).
In vielen anderen Bereichen der Physik ist es ähnlich, z.B. bei der Schwerkraft. Diese allen Menschen bekannte Kraft ist in ihren eigentlichen Ursachen für die Wissenschaft bis heute unerklärbar geblieben, ebenso wie die Frage, was die Materie eigentlich ist. Wenn sich die Wissenschaft der realen Wirklichkeit zuwendet, sind die Ergebnisse oftmals paradox und für den menschlichen Verstand nicht faßbar. Denn die Wissenschaft kann nur innerhalb ihres wissenschaftlichen Denkrahmens zuverlässige Resultate erbringen. Sie ist aber nicht in der Lage, die Bereiche außerhalb dieses Denkrahmens zu untersuchen.

Biologie

Die Beschränktheit des wissenschaftlichen Rahmens wird besonders in einem Bereich offensichtlich, der außerhalb des naturwissenschaftlichen Rahmens liegt: dem Leben. So ist die Biologie zwar eine "Wissenschaft vom Lebendigen", aber sie weiß nicht, was Leben ist.
Anders kann es nicht erklärt werden, warum die Wissenschaft nicht eine einzige lebende Zelle aus unbelebter Materie experimentell hergestellen kann. Dasselbe gilt für die Medizin, die vom lebenden Menschen handelt. Wissenschaftlich gesehen ist es nicht möglich, auch nur einen einzigen Krankheitsverlauf mit Sicherheit vorherzusagen.

Dieser Umstand gilt für alle modernen Wissenschaften, wie Carl Friedrich von Weizsäcker zusammenfaßte. Anstelle nach dem wirklich Seienden - das was uns Menschen ausmacht und uns umgibt - zu fragen und nach passenden Antworten zu suchen, umschreiben die Wissenschaften nur bestimmte Gebiete, anstelle deren Grundfragen zu stellen (28):

"Es ist charakteristisch für die Physik, so wie sie neuzeitlich betrieben wird, daß sie nicht wirklich fragt, was Materie ist, für die Biologie, daß sie nicht wirklich fragt, was Leben ist und für die Psychologie, daß sie nicht wirklich fragt, was Seele ist, sondern, daß mit diesen Worten nur vage ein Bereich umschrieben wird, in dem man zu forschen beabsichtigt. Dieses Faktum ist methodisch grundlegend für den Erfolg der Wissenschaft ...

Auf der anderen Seite darf man sich nicht darüber täuschen, daß das methodische Verfahren der Wissenschaft, das ich soeben charakterisiert habe, wenn es sich über seine eigene Fragwürdigkeit nicht mehr klar ist, etwas Mörderisches an sich hat."
Es würde den Rahmen dieses Beitrages übersteigen, den philosophischen Konsequenzen dieser Feststellung nachzugehen. Als gesichert kann jedoch gelten, daß eine Wissenschaft, die die Grenzen ihrer Erkenntnis und die Begrenztheit ihres Denkrahmens vergessen hat, ausgesprochen lebensferne agiert, wenn sie Phänomene des Lebens ausschließlich nach ihren begrenzten Kriterien beurteilen möchte.
Medizin und damit auch die homöopathische Medizin handeln vom Leben, indem sie am lebenden Menschen angewandt werden. Aus diesem Grund kann die physikalisch orientierte Naturwissenschaft nicht in der Lage sein, die medizinischen Phänomene lebender Organismen zu erklären, da sie nicht erklären kann, was Leben ist.

Homöopathie

Völlig umgekehrte Verhältnisse sind in der Homöopathie anzutreffen. Diese entstand zu einer Zeit, in der nach heutigen Maßstäben noch keine Naturwissenschaft existierte. Die medizinische Lehre erschöpfte sich in bizarren und widersprüchlichen Thesen, weshalb die an den Universiäten gelehrte medizinische Wissenschaft in der ärztlichen Praxis kaum hilfreich war. Dies war der Grund, warum der Entdecker der Homöopathie, Samuel Hahnemann sich von der Medizin seiner Zeit distanzierte und nach neuen Wegen suchte, um die Wirkungen der Arzneimittel festzustellen und Krankheiten heilen zu können.

Hahnemann waren dabei die methodischen Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis deutlich bewußt (14):
"Die Art, wie die verschiedenen Bestandtheile des lebenden menschlichen Körpers zusammenhängen, wie sie aufeinander unter sich und auf die von außen einwirkenden Potenzen [Wirkkräfte, Anm.] reagieren, wie aus ihnen solche lebende Werkzeuge (Organe) entstehen, als zur Führung des Lebens gehören, und wie aus den nöthigen Organen ein geschlossenes Ganzes, ein lebendes und gesundes Individuum gebildet und erhalten werde, läßt sich durchaus nicht, ob man's gleich bisher immer versuchte, weder nach Grundsätzen der Mechanik, noch der Physik, noch der Chemie ... beurtheilen oder erklären."

Der Arzt, Chemiker und Pharmazeut Hahnemann war zwar selbst Wissenschaftler im heutigen Sinn des Wortes, indem er seine Forschungstätigkeit auf umfangreiche Kenntnis der Literatur, Experiment, genaue Beobachtung und detaillierte Dokumentation begründete. Da er jedoch über keinerlei medizinischen Meßgeräte verfügte - selbst Fieberthermometer waren noch unbekannt - war er ausschließlich auf seine Sinne angewiesen, um Krankheiten und die Wirkung von Arzneimitteln zu beurteilen.

Deshalb beschritt Hahnemann bei der Entdeckung und Entwicklung der Homöopathie den umgekehrten Weg als die heutige Medizin. Denn während letztere naturwissenschaftlich orientiert ist und nach Meßbarkeit und Reproduzierbarkeit verlangt, wurden die Grundlagen der Homöopathie am individuellen Einzelpatienten gefunden. Der Denkrahmen der homöopathischen Medizin berücksichtigt daher auch jene Bereiche des Patienten, die sich bis heute der Meßbarkeit entziehen.

Dazu zählen die Subjektivität der Symptome, die individuelle Qualität der Empfindungen und Gefühle und die Untrennbarkeit körperlicher und psychischer Phänomene als Ausdruck der Ganzheit des Menschen. Diese wesentlichen Aspekte des Menschen fehlen in der wissenschaftlichen Medizin weitgehend, weshalb mit Erich Fromm gesagt werden kann:

"Die wissenschaftliche Medizin hat nicht unrecht mit dem, was sie behauptet. Aber sie hat unrecht mit dem, was sie verschweigt."
Die Homöopathie hat vieles von dem, was die moderen Medizin nicht mehr kennt und in ihrem wissenschaftlichen Denkrahmen nicht mehr berücksichtigt, in ein verständliches und effektives medizinisches System gebracht. Die Inhalte dieses homöopathischen Menschen- und Krankheitsbildes sollen im nächsten Artikel vorgestellt werden.

Literatur:

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