Pharmakologische Grundlagen der Homöopathie



Die Pharmakologie ist das Bindeglied zwischen Pharmazie und Medizin und beschäftigt sich mit den Arzneiwirkungen auf den Menschen. Da es in der Homöopathie aus historischen Gründen und aufgrund der mangelnden Bereitschaft der Klinischen Pharmakologen, die Homöopathie ernsthaft und mit adäquaten Methoden zu untersuchen, noch keine eigene Pharmakologie gibt, ergeben sich gravierende Nachteile sowohl für die Homöopathie als auch für andere Naturheilverfahren:

Es wird immer wieder versucht, die Vorstellungen und Methoden der Klinischen Pharmakologie auf die Homöopathie anzuwenden, was zu keinem Ergebnis führen kann. Denn die ganzheitlichen und regulationsmedizinischen Prinzipien der Homöopathie beruhen auf anderen Grundlagen als die auf Biochemie und Molekularkonzept aufbauende Klinische Pharmakologie.

Dies ist eine der Hauptursachen, warum viele Pharmakologen die Homöopathie nicht anerkennen, da sie aufgrund der für die Homöopathie ungeeigneten klinisch-pharmakologischen Untersuchungsmethoden oft keine eindeutigen Wirknachweise erkennen läßt und die Pharmakologie noch gar keine Modelle erarbeitet hat, um regulationsmedizinische Verfahren zu untersuchen und deren Wirkmechanismus aufzuklären.

Hinzu kommt, daß homöopathische Ärzte keine Wissenschaftler, sondern Pragmatiker sind, die in der täglichen Praxis sehen, daß die Homöopathie zufriedenstellend wirkt und deshalb nicht weiter fragen, warum sie wirkt. Zudem verfügen sie weder über die notwendige pharmakologische Ausbildung noch über die erforderliche Zeit, um exakte Grundlagenforschungen zu betreiben.

Daraus folgt, daß das Wirkprinzip der Homöopathie bis heute nicht wirklich verstanden wird, was weiters dazu führt, daß innerhalb der Homöopathie unterschiedliche Schulen und Denkrichtungen (z.B. betreffend Dosierung, Potenzwahl, Einzelmittel, Kombinationsmittel) existieren, die für Außenstehende ein manchmal verwirrendes Bild zeichnen. Hinzu kommen eher komplizierte Erklärungsversuche mittels Biophotonen (21, 24, 26) und Quantenmedizin (2, 25) sowie die vernichtende Kritik von Pharmakologen, denen die einfachsten Grundlagen der Homöopathie ermangeln (10, 14, 16, 22).

Dies führt zu einem polarisierenden Bild der Homöopathie: einerseits gibt es immer mehr Ärzte, Tierärzte, Naturheilpraktiker und Patienten, die aufgrund ihrer Erfahrung von der Wirksamkeit der Homöopathie überzeugt sind, während andererseits viele "Schulmediziner" und Pharmakologen die Homöopathie, welche sie auf Basis ihrer molekularen Denkmodelle nicht verstehen können, ablehnen und deren Therapieerfolge als "Placebowirkung" bezeichnen.

Aufgrund dieser wissenschaftlich und medizinisch unhaltbaren Situation hat das Ludwig-Boltzmann-Institut für Homöopathie in Graz in Zusammenarbeit mit dem European Committee for Homoeopathy, Subcommittee Pharmacology, Materia Medica and Pharmacopoeia in Brüssel begonnen, die Grundlagen einer eigenständigen homöopathischen Pharmakologie zu erarbeiten.

Historische Grundlagen

Der Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann, hat neben der Homöopathischen Medizin und der Homöopathischen Pharmazie noch einen dritten, bisher wenig beachteten Bereich der Homöopathie erarbeitet - die Homöopathische Theorie - worin er ein der Homöopathie adäquates Modell vorgestellt hat, um die pharmakologischen Wirkungen homöopathischer Arzneimittel auf den gesunden und kranken Menschen zu erklären. Die Grundzüge dieses Denkmodelles wurden bereits vorgestellt (8) und sollen nochmals kurz zusammengefaßt werden.

Drei Bereiche des Menschen

Hahnemann nahm, dem Stil seiner Zeit gemäß, drei Bereiche des Menschen wahr: 1. den Organismus, der tot und unbelebt ist, 2. die Lebenskraft, die den materiellen Organismus belebt und seine Funktionen bewirkt und 3. den Geist, der sich des Menschen "zum höheren Zwecke unseres Daseins" bedienen will. Aus heutiger Sicht kann man dazu feststellen, daß die "Schulmedizin" eigentlich nur den ersten Bereich Hahnemanns berücksichtigt, indem sich Anatomie, Histologie und Pathologie in vielen wesentlichen Teilen mit dem materiellen bzw. toten Organismus beschäftigen.

Der zweite Bereich Hahnemanns, die "Lebenskraft", fehlt in unserm heutigen medizinischen Denken völlig, wobei es sich bei diesem Begriff nicht um eine historisch-vitalistische Spekulation handelt, sondern um die Bezeichnung für auch heute bekannte, physiologische und pharmakologische Funktionen. Für die Erklärung der Homöopathie stellt das Konzept der Lebenskraft daher einen Schlüsselbegriff dar.

Der dritte Bereich Hahnemanns, "der uns inwohnende vernünftige Geist" hat Bezug zum Gottesbegriff Hahnemanns und ist für die theologische Einordnung der Homöopathie bedeutsam.

Krankheitsbegriff

Im Gegensatz zur konventionellen Medizin umfaßt die Homöopathie folgende Bereiche als Krankheit (8):

  1. Die mit den Sinnesorganen erkennbaren objektiven Krankheitszeichen, die der Arzt oder Umstehende am Kranken wahrnehmen und
  2. die subjektiven, durch die Krankheit veränderten Empfindungen und Gefühle, die der Kranke an sich selbst wahrnimmt.

Damit beruht die Krankheitserkenntnis der Homöopathie auf der ausschließlich sinnlichen Wahrnehmung objektiver und subjektiver, körperlicher und psychischer Veränderungen im Vergleich zum zuvor gesunden Zustand, die beschreibend zum Ausdruck gebracht werden.

Dasselbe gilt auch für die Pharmakologie, da diese sinnliche Wahrnehmung aller "Veränderungen des Leibes und der Seele" (13) in der Homöopathie der einzige Weg ist, um die aus Toxikologie, Arzneimittelprüfungen und Therapie bekannten Arzneiwirkungen ganzheitlich als "Arzneimittelbild" zusammenzufassen. Homöopathische Pathologie und Pharmakologie beruhen daher auf denselben wissenschaftlichen Modellen, was eine wichtige Voraussetzung zum ganzheitlichen Verständnis der Homöopathie darstellt.

Kräfte und Potenzen

Alle Prozesse und Veränderungen in Natur und Mensch, die für die Sinnesorgane nicht erkennbar oder erklärbar waren, führte Hahnemann mangels geeigneter wissenschaftlicher Kenntnisse auf die Wirkung von "Kräften" zurück, die er als "geistige", "geistartige", "dynamische" oder "virtuelle Kräfte" bezeichnete, da diese sinnlich nicht wahrnehmbar waren (4, 6). Unter diesen historischen "Kräften" sind somit keine spekulativen oder sprirituellen Kräfte zu verstehen, sondern alle Einflüsse, Ursachen und Prozesse, die, für die Sinne unsichtbar, Veränderungen am Menschen hervorrufen.

Hahnemann führte daher Magnetismus u.a. physikalische Kräfte, aber auch alle Vorgänge, die wir heute mit Hilfe der Biochemie, Physiologie, Pathologie oder Pharmakologie erklären können, auf die Wirkung von "Kräften" zurück. Mit diesem, aus heutiger Sicht sehr einfachen Modell hat Hahnemann eine wichtige Grundlage für das ganzheitliche Verständnis des Menschen entdeckt. Denn mit diesem allgemeinen Kraftbegriff hat er ein medizinisches Modell verwendet, um alle auf den Menschen einwirkenden körperlichen, psychischen und geistigen Einflüsse auf einer gemeinsamen Ebene zu beschreiben: als deren Wirkvermögen (=Potenz), Veränderungen hervorzurufen.

Dieses "Wirkvermögen" als Kraft oder Fähigkeit, Wirkungen in Mensch und Natur hervorzurufen, bildet die Grundlage von Hahnemanns Potenzbegriff (lat. potentia=Vermögen, Kraft, Fähigkeit) bzw. Dynamisbegriff (gr. dynamis=Vermögen, Kraft), wovon sich auch die Begriffe "Potenzierung" bzw. "Dynamisierung" im Sinne von "Kraftentwicklung" und "Steigerung des Wirkvermögens" ableiten (6).

Hahnemann bezeichnete somit alle äußeren oder inneren Ursachen, die ein Wirkvermögen (=die Potenz) haben, körperliche oder psychische Wirkungen hervorzurufen, als "Potenzen". Da er mit diesem allgemeinen Potenzbegriff nicht nur pharmakologische Wirkungen, sondern ebenso alle anderen Einflüsse erfaßte, die die Arzneiwirkungen konstitutionell, psychosomatisch oder antidotierend beeinflussen können, ist für die homöopathische Pharmakologie von größter Bedeutung.

Homöopathie

Entsprechend seinem allgemeinen Potenz- und Kraftbegriff verstand Hahnemann auch unter "Homöopathie" völlig allgemein "jede Heilung aufgrund von Symptomen-Ähnlichkeit, wenn die heilende Krankheitspotenz am Gesunden eine der natürlichen Krankheit möglichst ähnliche, künstliche Krankheit zu erregen vermag" (6). Deshalb bezeichnete Hahnemann sowohl Arzneimittel als auch alle übrigen Einflüsse wie physikalische, toxische, alimentäre, infektiöse, immunologische, allergene, ausleitende, psychische und geistige Ursachen, die ein similemäßiges Wirkvermögen aufweisen, als "homöopathische Heilmittel".

So bezeichnete Hahnemann zahlreiche Heilkräuter, Giftpflanzen, anorganische und tierische Stoffe, Genußmittel, ausleitende Therapieformen, elektrische Anwendungen, Hausmittel ("gefrorenes Sauerkraut auf Erfrierungen aufgelegt"), psychotherapeutische Methoden und sogar Infektionskrankheiten als "homöopathische Heilmittel" bzw. deren similemäßige Wirkungen als "Homöopathie", ein Umstand, der von Homöopathen wie auch Pharmakologen zuwenig beachtet wird. Denn wenngleich es notwendig ist, die Lehre und Praxis der Homöopathie an exakte Regeln zu binden, um deren therapeutischen Erfolge zu sichern, ist es für die wissenschaftliche Theorie von fundamentaler Bedeutung, daß der Homöopathie ein allgemeines Heilungsprinzip zugrunde liegt.

Untersucht man alle Einflüsse, die Hahnemann als "Potenzen" bezeichnete (12), so wird ersichtlich, daß er damit die Wirkungen aller drei Elementarzustände Materie, Energie und Information auf den Menschen erfaßt hat (3). Die Ähnlichkeit des dabei zugrunde liegenden Wirkprinzipes, wonach Materie (z.B. Arzneimittel, Gifte), Energie (z.B. elektrische und bioenergetische Therapieformen) und Information (z.B. Psychotherapie oder bioinformative Wirkfaktoren) similemäßige Wirkungen an Gesunden und Kranken auslösen können, wurde die Grundlage für den Allgemeinen Homöopathiebegriff Hahnemanns.

Der Umstand, daß der Mensch auf die genannten drei Elementarzustände nach demselben Wirkprinzip reagieren kann, führt schließlich zu der Erkenntnis, daß das Gemeinsame dieser unterschiedlichen Potenzen nicht in den verschiedenartigen Einflüssen selbst, sondern im menschlichen Organismus zu suchen ist, der darauf gleichartig reagiert.

Für ein heutiges Verständnis der homöopathischen Pharmakologie kann man daher die historischen Grundlagen des Denkmodells Hahnemanns wie folgt zusammenfassen:

  1. Die Lebensfunktionen des Menschen beruhen nicht (nur) auf dem sichtbaren Körper, sondern v.a. auf der als "Lebenskraft" bezeichneten Selbsterhaltung ("Autocratie") des Organismus (8), die unsichtbar und daher "getrennt" vom anatomisch Körper betrachtet werden kann.
  2. Homöopathische Pathologie und Pharmakologie liegen auf derselben medizinischen Ebene, da die sinnlich und psychisch erfaßten Symptome sowohl zur Beschreibung von Krankheiten als auch von Arzneiwirkungen verwendet werden.
  3. Alle Einflüsse, Ursachen und Kräfte, die körperliche oder psychische Veränderungen am Menschen hervorrufen können, werden als Potenzen bezeichnet.
  4. Der Mensch vermag auf so unterschiedliche Einflüsse wie Materie, Energie und Information nach demselben Wirkprinzip similemäßig zu reagieren.
  5. Dies weist auf die Existenz einer physiologischen Funktionseinheit hin, welche diese historisch der "Lebenskraft" zugeordneten Leistungen erbringt.
  6. Alle Potenzen mit similemäßigem Wirkvermögen können als "homöopathische Heilmittel" und deren im Einzelfall heilende Wirkung als "Homöopathie" bezeichnet werden.
  7. Die Homöopathie ist daher ein allgemeines Heilungsprinzip.

Davon ausgehend ist zu fragen, ob diese sieben Kernaussagen der Theorie Hahnemanns auch aus heutiger Sicht zutreffen, was bejaht werden kann und zu einem modernen Verständnis der Homöopathie überleitet.

Lebenskraft

Der Interpretation des historischen Begriffes der "Lebenskraft" kommt für die Erklärung der Homöopathie eine zentrale Bedeutung zu. Wie im Vorartikel gezeigt wurde (8), ist dabei unschwer zu erkennen, daß jene biologischen Funktionen, die Hahnemann der Lebenskraft zugeordnet hat, aus Sicht der Regulationsmedizin verständlich erscheinen.

Man kann daher feststellen, daß Hahnemann viele der in der heutigen Physiologie, Pathologie und Pharmakologie bekannten Zusammenhänge aufgrund dessen, daß diese den Sinnen verborgen und somit "unsichtbar" waren, auf die als Axiom postulierte "Lebenskraft" zurückgeführt hat (4). Allerdings weisen die historisch der Lebenskraft zugeschriebenen Funktionen aber auch auf die Existenz eines physiologischen Prinzipes der Selbsterhaltung (=Autoregulation) hin, das der klinischen Physiologie, Pathologie und Pharmakologie weitgehend unbekannt ist und in der Homöopathie als "Selbstheilungskraft des Organismus" (5) bezeichnet wird.

Autoregulation

Die natürlichen Fähigkeiten des Organismus zu Regulation, Anpassung, Regeneration und Abwehr werden nach D. Melchart von der Münchner Ludwig-Maximilians Universität als "Autoregulation" bezeichnet (20), die im "Autoregulationssystem" lokalisiert sind. Dabei kommen dem Autonomen Nervensystem und dem Interzellularraum des "Systems der Grundregulation" nach A. Pischinger eine besondere Bedeutung zu (8). Die in diesen Strukturen möglichen Regulationsprozesse verlaufen über alle anatomische Organ- und physiologische Funktionsgrenzen hinweg, was die ganzheitliche Wirkung homöopathischer Arzneimittel ebenso wie die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der homöopathischen Heilung zu erklären vermag.

Da das moderne Konzept der "Autoregulation" mit den lebenserhaltenden Funktionen der "Lebenskraft" Hahnemanns weitgehend übereinstimmt, kann das Autoregulationssystem, das als vegetatives Nervensystem und Interzellulärmatrix alle Organe und die Psyche einheitlich macht, als physiologische Ursache jener "Selbstheilungskraft" angesehen werden, die durch homöopathische Arzneimittel u. a. natürliche Methoden durch autonome Überwindung von Krankheiten zur Heilung führt.

Hygiogenese versus Pathogenese

Die gemeinsamen Prinzipien der Naturheilverfahren und damit auch der Homöopathie beruhen auf der aktiven Beteiligung und Nutzung selbstregulierender Prozesse "in Richtung Gesundheit". Darunter wird das "hygiogenetische Wirkprinzip" des Organismus verstanden, das sich vom "pathogenetischen" Prinzip der klinischen Medizin weitgehend unterscheidet. Denn "Krankheit erkennen und bekämpfen" ist etwas gänzlich anderes als "Gesundheit erhalten", wie der folgende Vergleich zeigt (20):

Das konventionelle klinische Denken ist an der Krankheit orientiert, um diese zu erkennen, zu bekämpfen oder zu verhüten. Die Wirkmechanismen der angewandten Verfahren stammen aus den "mechanistischen" Fachbereichen der Physik, Chemie und Chirurgie bzw. aus der mit der Biochemie verwandten Immunologie, deren Wirkprinzipien v. a. auf Substitution oder Suppression beruhen (18). Die damit ausgelösten, direkten Wirkungen wirken primär auf ein Erfolgsorgan oder einen Regelkreis ein, was zu meist kräftigen Wirkungen und Nebenwirkungen führt. Die Therapeutika dominieren die körpereigenen Funktionen, weshalb sie als "künstliche Therapie" und die damit erzielte Heilwirkung als "Kunstheilung" bezeichnet werden können.

Demgegenüber ist das homöopathische und naturheilkundliche Denken an der Gesundheit des Menschen und damit an den körpereigenen Funktionen des Organismus orientiert, die die Gesundheit erhalten oder wiederherstellen können. Die Wirkmechanismen der dabei eingesetzten Verfahren stammen aus der Naturheilkunde und Regulationsmedizin, deren Wirkprinzipien v.a. auf Autoregulation, Bioinformation und dem Simileprinzip beruhen. Die damit ausgelösten Wirkungen sind indirekt, da die Therapeutika primär auf das Autoregulationssystem einwirken und dieses erst sekundär die eigentlichen Wirkungen hervorbringt. Dies führt zu oft schwächeren Wirkungen als in der Klinischen Pharmakologie, aber auch zu geringeren Nebenwirkungen, da die körpereigenen Funktionen nicht dominiert, sondern stimuliert werden. Dieser Umstand erklärt auch, warum der Therapieerfolg in besonderem Maß von der individuellen und konstitutionellen Situation des Patienten abhängig ist. Aufgrund der Nutzung und Anregung der natürlichen Körperfunktionen können diese Methoden als "natürliche Therapie" und die damit erzielte Heilwirkung als "Naturheilung" bezeichnet werden.

Regulationstherapie

Auch aus Sicht der Regulationstherapie lassen sich wesentliche Unterschiede zwischen Pathogenese und Hygiogenese erkennen (20). So ist die Qualität der Therapiegrößen in der Klinischen Pharmakologie meist spezifisch, lokalistisch, hochselektiv, exakt dosierbar und biochemisch bzw. biomechanisch genau definierbar. Dementsprechend ist die Qualität der Therapieprodukte spezifisch und linear vom Therapiefaktor abhängig, reproduzierbar und meßbar und von zumeist kräftiger Wirkung.

In der Homöopathie und den übrigen Naturheilverfahren liegen jedoch gänzlich andere Verhältnisse vor: die Qualität der Therapiegrößen ist hinsichtlich der Diagnose des Patienten meist unspezifisch, dafür aber ganzheitlich wirkend, ungenau dosierbar sowie chemisch bzw. physikalisch nicht (genau) definierbar. Dementsprechend ist die Qualität der Therapieprodukte nicht nur vom Therapiefaktor, sondern wesentlich auch vom Reaktionstyp des Kranken abhängig, zeitlich-rhythmisch organisiert, oftmals nicht reproduzierbar, nicht meßbar, reaktionsprognostisch schwer präzisierbar und nach den Kriterien der Klinischen Pharmakologie von geringer Intensität bzw. intrinsischer Aktivität.

Dennoch ist mit den schwächeren Reizen der Homöopathie u.a. Naturheilverfahren eine effiziente und "aktive Regulationstherapie" möglich, wie die Therapieerfolge (5) und Studien (7) zeigen, während die dominanten Einflüsse der konventionellen Medizin nur eine "passive Regulationstherapie" erlauben, die nicht selten zur Unterdrückung anderer Regulationsbereiche führt.

Placeboeffekt

Die Verschiedenartigkeit von Klinischer Pharmakologie und Naturheilverfahren läßt auch erkennen, warum placebokontrollierte Doppelblindstudien, die selbst in der konventionellen Medizin schwerwiegende methodische Schwächen zeigen (7), für homöopathische Wirksamkeitsnachweise nahezu ungeeignet sind. Denn im Falle der "Schulmedizin" werden die starken Wirkungen biochemischer Arzneimittel mit Placebo verglichen, das jedoch nicht "Nichts" bewirkt, sondern zu mehr oder weniger starken, körperlichen und/oder psychischen Wirkungen führt, die vermutlich über das Autoregulationssystem auslöst werden.

Dieser Umstand erklärt, warum auch in der Klinischen Pharmakologie Placebos mitunter stärker als das Verum wirken (1), obwohl die in der Studie verglichenen Wirkmechanismen (biochemische Arznei / autoregulatives Placebo) sehr unterschiedlich sind.

In der Homöopathie hingegen erscheint der Placeboeffekt noch weniger kontrollierbar als in der konventionellen Pharmakologie, da Verum und Placebo über dieselben Wirkmechanismen der Autoregulation wirken. Wenn man dabei berücksichtigt, daß nach Hahnemanns Allgemeinem Homöopathiebegriff grundsätzlich alle Formen von Materie, Energie und Information auf die "Lebenskraft"=das Autoregulationssystem des Organismus einwirken und similemäßige Wirkungen hervorrufen können, wird es verständlich, warum placebokontrollierte Studien für die Homöopathie kaum oder nur in Ausnahmefällen geeignet sind. Denn prinzipiell können alle äußeren oder inneren Ursachen, die von den Studienbedingungen vielfach nicht erfaßt werden, z.B. psychische, soziale, konstitutionelle, diätetische, physikalische, klimatische und viele andere "Potenzen", die homöopathische Arzneiwirkung beeinflussen oder sogar antidotieren, da alle diese autoregulativen Einflüsse auf dieselbe Ebene wie das Placebo wirken.

Diese Situation wird dadurch verstärkt, daß die "gesunde", "sanfte", "ganzheitliche" und "nebenwirkungsfreie" Homöopathie wie viele andere Naturheilverfahren eine besonders positive Erwartungshaltung und damit ein vermehrtes Auftreten des Placeboeffektes erwarten läßt, was jedoch durch die homöopathischen Therapieerfolge bei chronischen Erkrankungen (5) und in der Veterinärmedizin (8) relativiert wird.

Letzlich zeigen aber die sorgfältigen Metaanalysen von J. Kleijnen 1991 (17), D. Reilly 1994 (23) und K. Linde 1997 (19), daß die klinischen Effekte der Homöopathie nicht nur auf Placebo zurückgeführt werden können und "evidence" unter Einhaltung strengster Studienbedingungen auch für die Homöopathie erbracht werden kann (8).

Für die Homöopathie erscheinen jedoch die derzeit von der Deutschen Homöopathie-Union / HomInt-Gruppe durchgeführten Open-Outcomes-Studies (9) und prospektiven Praxisstudien besser geeignet, um die die Wirksamkeit der homöopathischen Therapie unter realen Praxisbedingungen nachzuweisen (15).

Pharmakologie der Naturheilverfahren

Die aufgezeigten Unterschiede zwischen Klinischer Pharmakologie und Naturheilverfahren machen deutlich, warum z.B. die Homöopathie nicht nach den Kriterien der konventionellen Medizin untersucht, beurteilt oder erklärt werden kann. Sie zeigen auch, warum in der "Schulmedizin" die Diagnose, genaue Laborwerte und eine exakte Dosierung so wichtig sind, während für die Arzneifindung und Therapie in der Homöopathie keiner dieser drei Parameter von wesentlicher Bedeutung ist.

Denn während die Klinische Pharmakologie an das Molekularkonzept und die Erkenntnisse der Anatomie, Histologie und Pathologie gebunden ist, beruht die Homöopathie auf den ganzheitlichen Kriterien des Autoregulationssystems, deren Prinzipien gerade erst langsam entdeckt werden. Für das Verständnis der Homöopathie ist deshalb eine eigenständige "Pharmakologie der Naturheilverfahren" erforderlich, deren Gesetzmäßigkeiten am Bespiel des Simileprinzipes und der homöopathischen Verlaufskontrolle in einem Folgebeitrag vorgestellt werden sollen.

Literatur:

1. Bethge H.: Verbindlichkeit medizinisch wissenschaftlicher Untersuchungen aus der Sicht der klinischen Pharmakologie. In: Deutsch E. et al. (Hrsg.): Verbindlichkeit der medizinisch-diagnostischen und therapeutischen Aussage. Gustav Fischer, Stuttgart 1983: 95-105. Zit. n. (11).
2. Delinick A. N.: A New Medical Model of the Organism and its Pathology. The Berlin Journal on Research in Homoeopathy 1 (1991), 4/5: 243-248.
3. Dellmour F.:  Das Simileprinzip - ein allgemeines Naturprinzip ? GAMED  Nr. 1/1998: 6-10.
4. Dellmour F.: Die Bedeutung der Lebenskraft für die Homöopathie. Homöopathie in Österreich 8 (1997) Nr. 4: 19-27.
5. Dellmour F.: Die Steigerung der Immunität durch homöopathische Behandlung. Vorläufige Ergebnisse einer Literaturstudie des Ludwig-Boltzmann-Institutes für Homöopathie. In: Kropiunigg U., Stacher A. (Hrsg.): Ganzheitsmedizin und Psychoneuroimmunologie. Vierter Wiener Dialog. Facultas Unversitätsverlag, Wien 1997: 295-316.
6. Dellmour F.: Homöopathie und Lebenskraft. Begriffe bei Samuel Hahnemann. Documenta homoeopathica,  Band 17. W. Maudrich, Wien 1997: 63-103.
7. Dellmour F.: Homöopathische Arzneiwirkung oder Placebo ? Wirknachweise in der Homöopathie. Deutsche Zeitschrift für Klinische Forschung Heft 1, Jg. 3, Februar 1999: 15-22.
8. Dellmour F.: Physiologische Grundlagen der Homöopathie. Deutsche Zeitschrift für Klinische Forschung Heft 4, Jg. 3, August 1999: 11-15.
9. Edwards R.A.: International Integrative Primary Care Outcomes Study (IIPCOS). HomInt R&D NewsLetter 2/96: 3-13.
10. Forth W., Henschler D., Rummel W.: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. B.I. Wissenschaftsverlag, 5. Aufl., Mannheim 1987: 90-92. Rezension in: Homöopathie in Österreich Nr. 2 / September 1990: 69-70.
11. Freundt K. J.: Arzneimittel - Wirkung und Sicherheit. In: Resch A.: Gesundheit, Schulmedizin, Andere Heilmethoden. Imago Mundi Band XI. Resch Verlag, Innsbruck 1986: 109-136.
12. Hahnemann S.: Heilkunde der Erfahrung. Berlin 1805. In: Hahnemann S.: Kleine medizinische Schriften. Hrsg. E. Stapf (1829). Nachdruck K. F. Haug, Heidelberg 1989: Band 2: 1-51.
13. Hahnemann S.: Organon der Heilkunst, 6. Auflage (1842). Hrsg. von R. Haehl 1921. Nachdruck K. F. Haug, Heidelberg 1987: § 6.
14. Happle R.: Die unerträgliche Leichtigkeit der Homöopathie - Notizen zur "Marburger Erklärung". H + G Band 68, Heft 11, 1993: 701-704.
15. Heger M.: Prospective documentation in homoeopathic practice - an essential contribution to quality assurance. HomInt R&D NewsLetter 2/1998: 3-18.
16. Hopff W.H.: Homöopathie - kritisch betrachtet. Thieme, Stuttgart 1991. Rezension in: Homöopathie in Österreich Nr.1 / März 1992: 30-31.
17. Kleijnen J., Knipschild P., Riet G.t.: Clinical Trials of Homoeopathy. British Medical Journal Vol. 302 (1991): 316-323 sowie Kleijnen J., Knipschild P., Riet G.t.: Clinical Trials of Homoeopathy. The Berlin Journal on Research in Homoeopathy Vol. 1, No. 3, June 1991: 175-194.
18. Köhler G.: Lehrbuch der Homöopathie. Band 1. Grundlagen und Anwendung. Hippokrates, 5. Aufl., Stuttgart 1988: 17.
19. Linde K. et al.: Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects ? A meta-analysis of placebo-controlled trials. The Lancet vol. 350, September 20, 1997: 834-843.
20. Melchart D., Wagner H.: Naturheilverfahren. Grundlagen einer autoregulativen Therapie. Schattauer, Stuttgart 1993. Terminologie: 2 ff., Gesundheit und Krankheit: 26 ff., Therapeutische Physiologie als realwissenschaftliche Grundlage einer "Autoregulativen Medizin": 46 ff., Glossar: 594-6.
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22. Prokop O.: Homöopathie. In: Oepen I., O. Prokop (Hrsg.): Außenseitermethoden in der Medizin. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 2. Aufl. 1994: 160-179.
23. Reilly D. et al.: Is evidence for homoeopathy reproducible ? The Lancet vol 344, December 10, 1994: 1601-1606.
24. Rubic B.: Homoeopathy and Coherent Excitation in Living Systems. The Berlin Journal on Research in Homoeopathy 1 (1990), 1: 24-27.
25. Warnke U.: Quantenmedizin - Elektromagnetische Phänomene als Grundlage modernen medizinischen Denkens. 9. Kärntner Weihnachtstagung für alternative und komplementäre Medizin, Fortbildungszentrum der Ärztekammer Kärnten, 13. Dezember 1997.
26. Weingärtner O.: Zur physikalischen Forschung über die Wirkung von potenzierten Arzneimitteln. Allgemeine homöopathische Zeitung 229 (1984), 6: 221-232.
Weitere Literatur beim Verfasser.

Dr. med. Ing. Friedrich Dellmour

European Committee for Homoeopathy (ECH), Subcommittee Pharmacology, Materia Medica and Pharmacopoeia, Brüssel.
Ludwig Boltzmann Institut für Homöopathie, Dürergasse 4, A-8010 Graz.


Deutsche Zeitschrift für Klinische Forschung